Manche Kreative wittern sofort Fremdsteuerung, wenn sie mit Storytelling-Handwerk konfrontiert sind. Gerade das Erzählmuster der Heldenreise wird oft als viel zu starres Regelwerk interpretiert, das die eigene Kreativität erstickt. Oder, um ins andere Extrem zu verfallen, als narrensichere Erfolgsformel, die jeden noch so schwachen Stoff zum Kassenschlager machen kann. Beides ist falsch. Warum? Das zeige ich dir hier anhand eines berühmten Filmbeispiels.

Archetypen sind wandelbar, Stereotypen nicht

Die Heldenreise ist ein archetypische Form – keine stereotype Formel. Sie funktioniert deshalb so gut, weil sie universelle Menschheitserfahrungen in immer neuen Variationen durchspielt. Dabei bedient sie sich zwar immer derselben Archetypen (griech. arche: „Anfang, Ursprung“), aber diese Urformen sind in sich sehr wandelbar. Ganz im Gegensatz zum Stereotyp (griech. stereos: „fest“, „haltbar“), das per definitionem starr ist. Wie wandelbar diese archetypische Form ist, möchte ich dir anhand eines Filmbeispiels zeigen.

Ein Feldlazarett im amerikanischen Bürgerkriegs. Zwei Ärzte ziehen einem Soldaten den blutverschmierten Lederstiefel vom Fuß und begutachten das zerfetzte Bein. „Wenigstens kein Wundbrand“, sagt der eine. „Den wird er aber bald haben, wenn wir es noch lang dran lassen“, sagt der andere.

Die übermüdeten Ärzte lassen den Verletzten allein. Der rappelt sich auf, betrachtet das Operationsbesteck, angelt sich den Stiefel und zieht ihn unter Höllenqualen über seinen zerfetzten Fuß.

Zurück an der Front, trifft er auf entscheidungsschwache Offiziere und zynische Soldaten. Die ganze Sinnlosigkeit des Krieges offenbart sich ihm. Er schwingt sich auf ein herrenloses Pferd und galoppiert direkt ins Schussfeld der feindlichen Scharfschützen. „Was ist das, Sir?“, fragt einer. „Sieht nach Selbstmord aus“, antwortet der Offizier.

Die Südstaatler schießen auf den Lebensmüden wie auf ein Kaninchen, töten ihn aber nicht. „Vergib mir, Vater“, sagt der Selbstmörder, breitet die Arme aus und prescht mit vorgereckter Brust auf die feindlichen Stellungen zu. „Ich hab ihn“, meldet ein Soldat. Doch kurz bevor er abdrücken kann, wird er selbst von einer Kugel getroffen. Das ist der Startschuss zum Gefecht: Die verfeindeten Truppen fallen übereinander her und das Morden nimmt seinen Lauf.

Du wirst den scheinbar Verrückten längst erkannt haben: Es handelt sich um Kevin Costner in der Rolle des Nordstaaten-Offiziers John Dunbar. Nach seiner unfreiwilligen Heldentat lässt er sich ins Indianerland versetzen und schließt dort Freundschaft mit dem Stamm der Lakota. Was ich gerade geschildert habe, sind die Anfangsszenen des Western-Epos „Der mit dem Wolf tanzt“ von 1990, in dem Costner auch Regie geführt hat. Das Drehbuch stammt von Michael Blake und basiert auf dessen gleichnamigem Roman.

Storytelling-Handwerk: Fehlanzeige?

Warum erzähle ich das? Weil bereits der Auftakt des Films scheinbar gegen alle Regeln der Heldenreise verstößt. Das ist ein Erzählmuster, das der Drehbuch-Spezialist Christopher Vogler um die Jahrtausendwende populär gemacht hat („The Writer’s Journey“). Es basiert auf dem kultur- und religionsübergreifenden „Monomythos“, den der Mythenforscher Joseph Campbell schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts entdeckt hatte („Der Heros in tausend Gestalten“). Danach vollzieht sich in allen Märchen, Sagen und Mythen die immer gleiche „Reise des Helden“ in einer immer gleichen Abfolge von 12 Stationen, die ich in diesem Beitrag näher beschrieben habe. Schematisch lässt sich die Reise so darstellen:

heldenreise der mit dem wolf tanzt

Warum reißt Kevin Costner die Heldenreise in Stücke?

Was aber stellen Blake und Costner mit dieser scheinbar unumstößlichen Vorgabe an? Sie zerpflücken sie. Reißen sie in Stücke und setzen sie nach eigenem Gusto wieder neu zusammen. Die grauen Buchstaben im Bild zeigen die musterhafte Abfolge der Stationen laut Vogler, die roten zeigen die tatsächliche Abfolge im Film. Folgende „Verstöße“ sind festzustellen:

  • Aus 12 Stationen werden 15
  • Der Film beginnt nicht mit Stationen 1, sondern mit Station 8 (entscheidende Prüfung)
  • Das, was sonst erst an Station 11 passiert (Wiedergeburt), passiert hier bereits an 2. Stelle
  • Das, was sonst Station 1 entspricht (gewohnte Welt), findet hier erst an 4. Stelle statt
  • Station 3 (Weigerung) fällt ganz unter den Tisch. Dunbar weigert sich nicht, in den Westen zu gehen – er drängt sogar darauf
  • Auch sonst kann von regelhafter Abfolge keine Rede sein: Der Mentor greift erst nach der Bewährungsprobe ein, die Belohnung wird vor dem Gang in die tiefste Höhle errungen, manche Stationen werden mehrfach durchlaufen (8, 9, 11).

 

Das Szenen-Design in „Der mit dem Wolf tanzt“

Und daraus soll nun eine runde Story werden? Schauen wir uns die reale Abfolge der Szenen im Film an (in Klammern die jeweilige Position laut „Mustervorlage“):

1. (8.) Entscheidende Prüfung 1

Die Begegnung mit dem Tod steht gleich am Anfang der Geschichte und nicht, wie sonst üblich, in der Mitte. Lieutenant John Dunbar wird schwer am Bein verletzt. Es droht Tod durch Wundbrand oder Amputation. Um diesem Schicksal zu entkommen, beschließt er sich an der Frontlinie erschießen zu lassen.

2. (11.) Wiedergeburt 1

Wie durch ein Wunder wird Dunbar nicht erschossen und überlebt auch das von ihm ausgelöste Gefecht zwischen Nord- und Südstaatlern. Seine Todesverachtung macht ihn zum Helden wider Willen. Er erhält medizinische Sonderbehandlung und sein Bein wird gerettet. Zudem darf er sich aussuchen, wo er künftig eingesetzt werden will.

3. (2.) Ruf zum Abenteuer

Er wählt einen weit entfernten Außenposten – und damit maximalen Abstand zur eigenen Kultur. „Ich wollte schon immer den Westen kennenlernen – bevor es ihn nicht mehr gibt.“

4. (1.) Gewohnte Welt

Der irrsinnige Bruderkrieg zwischen den Nord- und Südstaaten; der inkontinente Major, der sich im Wahn eine Kugel durch den Kopf jagt; der infantil-abstoßende Kutscher, der ihn zu seinem Außenposten im Indianerland fährt: Die „weiße Welt“, wie sie uns hier geschildert wird, ist durch und durch verrottet.

— (3.) Weigerung

Eine Weigerung findet nicht statt; Dunbar kann seine gewohnte Welt nicht schnell genug hinter sich lassen. Stellvertretend weigern sich andere für ihn: Der verrückte Major zeigt ihm, dass der Westen Menschen in den Wahnsinn treiben kann; die Ermordung des Kutschers durch Indianerhand zeigt ihm, dass der Westen tötlich sein kann.

5. (5.) Erste Schwelle

Das endgültige Überwechseln in die „Anderwelt“ vollzieht sich nach dem Tod des Kutschers: Dunbar ist in einer gefährlich fremden, aber auch faszinierend neuen Welt ganz auf sich allein gestellt. Ein Zurück gibt es nicht mehr. Doch Dunbar fühlt sich sofort heimisch in der majestätischen Weite der Prärie. Er ist einsam – und glücklich.

6. (6.) Bewährungsproben

Ganz einsam ist er nicht: Ein Wolf besucht ihn regelmäßig und lässt sich allmählich zähmen. Dunbar setzt den Posten instand und richtet sich häuslich ein. Es folgt eine erste Begegnung mit dem Stamm der Lakota. Beide Seiten überwinden langsam Misstrauen und Unsicherheit. Dann rettet Dunbar eine bei den Indianern lebende weiße Frau vor dem Tod, was das Vertrauen zu ihm weiter wachsen lässt. Man tauscht Geschenke aus, isst gemeinsam, lernt die Sprache des anderen.

7. (4.) Mentorin

Die junge Frau beschleunigt den Verständigungsprozess entscheidend, weil sie sich an die Sprache ihrer Kindheit zu erinnern beginnt (sie war als Kind von den Lakota aufgenommen worden). Sie übernimmt die Rolle der Kulturmittlerin. Die beiden verlieben sich ineinander.

8. (8.) Entscheidende Prüfung 2

Die Lakota haben Angst, dass die Büffel in diesem Jahr ausbleiben. Das würde Hunger bedeuten. Doch da entdeckt ihr neuer Freund eine riesige vorbeiziehende Herde. Überglücklich rüsten die Indianer zur Jagd und Dunbar darf sie begleiten. Dabei rettet er einen Indianerjungen mit einem gezielten Schuss in letzter Sekunde davor, von einem blindwütigen Büffel überrannt zu werden.

9. (9.) Belohnung 1

Dunbar hat gezeigt, dass er sein eigenes Leben aufs Spiel setzt, um Leben zu retten. Das bringt ihm die endgültige Anerkennung des Stammes ein. Er wird mit einem Festmahl geehrt und muss seine Heldentat immer wieder erzählen.

10. (8.) Entscheidende Prüfung 3

Die Lakota sind Todfeinde der Pawnee. Dunbar hilft seinen Freunden erneut, indem er zum Fort zurückreitet und die dort vergrabene Gewehre holt. Der Triumph der Lakota ist total.

11. (9.) Belohnung 2

Dunbar ist jetzt endgültig einer der ihren. Er legt seine „weiße“ Identität auch äußerlich ab und nimmt nun voller Stolz den indianischen Namen „Der mit dem Wolf tanzt“ an. Die Hochzeit mit der „weißen Indianerin“ besiegelt seinen Identitätswechsel.

12. (7.) Tiefste Höhle

Der Stamm zieht weiter, doch „Der mit dem Wolf tanzt“ reitet noch einmal zurück in das Fort. Ihm ist eingefallen, dass er sein Tagebuch dort zurückgelassen hat. Wenn es die Soldaten finden, würde es sie direkt zu seinem Stamm führen – und ihn selbst als Deserteur an den Galgen liefern.

13. (10.) Erneuter Angriff

Zu spät: Die Weißen sind längst da. Sie erschießen sein Pferd und legen ihn als Verräter in Ketten. Als er verhört wird, antwortet er auf Lakota. Trotz Misshandlungen bleibt er seiner neuen Identität treu. Das bedeutet Hochverrat: Er wird in den Osten überstellt, wo ihm das Kriegsgericht droht. Auf dem Weg dorthin erschießen die Soldaten den Wolf, von dem er seinen Namen hat, und der ihm nicht von der Seite weichen wollte.

14. (11.) Wiedergeburt 2

Doch seine neue „Familie“ lässt ihn nicht im Stich. Die Lakota überfallen den Transport und befreien Dunbar mit Gewalt; auch er selbst tötet einen Angehörigen seiner alten Kultur. Er hat jetzt die letzte Verbindung zu den Weißen gekappt und wird als vollwertiger Indianer „wiedergeboren“.

15. (12.) Heimkehr mit dem Elixier

„Der mit dem Wolf tanzt“ beschließt, seinen Stamm zu verlassen. Denn die weißen Soldaten würden ihn, den Verräter, gnadenlos jagen, und wenn sie ihn fänden, fänden sie auch die Indianer. Seine Frau begleitet ihn. Als „Wanderer zwischen den Welten“ kehrt er zu den Weißen zurück, wo er sich für das Überleben seines Volkes einsetzen will: „Ich muss gehen und mit denen sprechen, die zuhören wollen.“ Sein Elixier ist das Wissen, dass die Indianer liebenswerte und zivilisierte Menschen sind und keine wilden Tiere, die man nach Belieben abknallen darf.

Der Abspann nimmt das Scheitern dieses Unterfangens vorweg und offenbart damit die ganze Unmenschlichkeit, die mit der Ausrottung der indigenen Kulturen Nordamerikas verbunden war:

13 Jahre später, ihre Dörfer waren vernichtet und ihre Büffel verschwunden, unterwarf sich die letzte Gruppe freier Sioux in Fort Robinson, Nebraska. Die großen Pferdeherden der Prärie waren untergegangen und der amerikanische Wilde Westen sollte bald Teil der Geschichte werden.

Leitfaden, kein Kochrezept

Damit sollte das Missverständnisse ausgeräumt sein, das es sich bei der Heldenreise um eine fahrplanmäßige Abfolge fester Wegmarken handelt. Eine derart starre Schablone, ein derart formelhaftes Regelwerk wäre in der Tat der der Tod jeder künstlerischen Freiheit.

Doch das Missverständnis hält sich zäh. Für viele Autoren ist kreatives Schaffen ein rein intuitiver, fast magischer Prozess, der nichts mit erlernbaren Mustern, Regeln, Prinzipien zu tun hat. Entsprechen groß sind die Vorbehalte gegen handwerkliche Regeln allgemein und das Muster der Heldenreise im Besonderen.

Das wusste schon Christopher Vogler und schrieb deshalb im Nachwort seines Standardwerks „Die Odyssee des Drehbuchschreibers“ (Fettungen übernommen):

Die Reise des Helden ist ein Leitfaden – kein Kochrezept und keine mathematische Formel, die sich schematisch auf jede Geschichte anwenden ließe. Eine gute Geschichte ist in keinem Punkt einer Lehrmeinung, einer Vorschrift oder einem analytischen Ansatz unterworfen – das gilt auch für das vorliegende Modell. (…)

Denken Sie immer daran: Über die Struktur einer Geschichte entscheiden deren innerer Logik und Notwendigkeit. Die Funktion bestimmt die Form. (…)

Das Modell schreibt keineswegs vor, wo eine Szene angesiedelt sein muss, es sagt nur, wo sie sich üblicherweise befindet. Jedes Element aus der Reise des Helden kann an jedem beliebigen Punkt der Geschichte auftauchen.

Form, nicht Formel

Ein weiterer Großmeister des Storytelling ist Robert McKee. Auch der Autor des Standardwerks „Story, Die Prinzipien des Drehbuchschreibens“ warnt ausdrücklich davor, Erzählmuster als Erfolgsformeln zu sehen, die den kreativen Schaffensprozess irgendwie abkürzen. Manifestartig formuliert er bereits in der Einleitung:

Story handelt von Prinzipien, nicht von Regeln.
Eine Regel sagt: „Du musst es auf diese Weise machen.“ Ein Prinzip sagt: „das funktioniert … und zwar seit Menschengedenken.“ (…)

Story handelt von ewigen, universellen Formen, nicht von Formeln.
Alle Ideen über Paradigmen und narrensichere Story-Modelle für kommerziellen Erfolg sind Unsinn. (…)

Story handelt von Archetypen, nicht von Stereotypen.
Die archetypische Story bringt einer universale menschliche Erfahrung ans Licht und findet dann eine einmaligen, kulturspezifischen Ausdruck. Eine stereotype Story kehrt diese Schema um: Sie krankt an der Dürftigkeit sowohl des Inhalts als auch der Form. Sie beschränkt sich auf eine begrenzte, kulturspezifische Erfahrung und drückt sich in schalen, unspezifischen Gemeinplätzen aus.

Identitätswechsel im Kampf der Kulturen

Die Heldenreise in „Der mit dem Wolf tanzt“ ist im Grunde ein Reifungsplot – die Geschichte eines Identitätswechsels vor dem Hintergrund eines gnadenlosen „Kampfs der Kulturen“. Hier stehen nicht die angeblich fortschrittlichen europäischen Einwanderer auf dem Gipfel der menschlichen Zivilisation, sondern die steinzeitlich lebenden Indianer.

Dasselbe Motiv hat James Cameron fast 20 Jahre später in ein Science-Fiction-Setting übersetzte (Avatar, USA 2009). Wieder nimmt ein Krieger der dominierenden, aber moralisch verkommenen Kultur die Identität der scheinbar unterlegenen, aber moralisch integren Kultur an und gesundet dadurch an Leib und Seele. Nur ist der Ausgang hier ein anderer: Der Held findet zu einer Art „Messias“-Rolle und führt sein Volk auch zum militärischen Sieg über die menschlichen Eindringlinge, während sich der Western an die historischen Fakten hält und das letztendliche Scheitern seines Helden vorwegnimmt.

Erweist sich Storytelling-Handwerk nun wirklich als Fremdsteuerungs-Instrument und Kreativitäts-Killer? Haben Costner und Cameron das Muster der Heldenreise einfach nur als Steinbruch für ihr eigenes Plotkonzept missbraucht – oder haben sie es sogar ganz wissentlich missachtet?

Ich würde sagen: Weder, noch. Sie haben es gemeistert.

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Kann man die Heldenreise aufs Leben übertragen? Ja, denn die Heldenreise ist das Urmuster aller Veränderungsprozesse. Wenn du eine Geschichte plotten kannst, kannst du auch dein Leben plotten.

Hallo, mein Name ist Stefan Dambach. Ich unterstütze Freiberufler, Unternehmen und Führungskräfte bei der Entwicklung authentischer Brand Storys und vermittle Storytelling-Skills in Workshops, Onlinekursen und Personal Coachings.