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Wer erinnert sich nicht an diese Szene: Kate Winslet alias Rose und Leonardo DiCaprio alias Jack kämpfen nach dem Untergang der Titanic gegen das Ertrinken im Eismeer. Als Jack erkennt, dass das umhertreibende Wrackteil nicht beide trägt, überlässt er es Rose. Es ist ein Ertrinken in Liebe – das klassische Selbstopfer einer archetypischen Heldenfigur. Archetypisch ist auch der Konflikt zwischen Leben und Tod, den er verliert, und archetypisch ist die Reise, die ihn dorthin führt. Hier sind die 12 Stationen seiner Heldenreise – als Modell für jeden menschlichen Veränderungsprozess vor und nach dem Untergang der Titanic.

 die 12 stationen der heldenreise nach christopher vogler

Heldenreise: Analyse- und Plotting-Tool

Die Heldenreise ist ein Erzählmuster, das vor allem durch Christopher Vogler bekannt geworden ist („Die Odyssee der Drehbuchschreiber, Romanautoren und Dramatiker“, Neuauflage 2018). Der US-amerikanische Drehbuchautor hat Massen von Drehbuchentwürfen geprüft und dabei festgestellt: Fast allen großen Publikumserfolgen liegt eine archetypische Struktur zugrunde, die schon in uralten Märchen und Mythen zutage tritt: die Heldenreise.

Das „Mystische“ daran: Dieser „Geheimcode des Geschichtenerzählens“ (Vogler) funktioniert über alle Kulturgrenzen hinweg, weil wir uns alle in den beteiligten Archetypen wiedererkennen: den beiden Helden (Jack und Rose), der weisen Mentorin (Molly), dem finsteren Bösewicht (Cal).

Die Heldenreise ist Analysetool und Anleitung in einem: Wenn du verstanden hast, wie erfolgreiche Geschichten aufgebaut sind, weißt du natürlich auch, wie du eigene Story-Projekte plotten kannst.

Deshalb schauen wir uns die 12 Stationen der Heldenreise nach Vogler einmal genauer an: Was passiert in der jeweiligen Sequenz dramaturgisch (Spannungsbogen), was heißt das für die Figuren-Psychologie (Konfliktverlauf).

Als Anschauungsobjekt habe ich mich für Titanic (USA, 1998) entschieden, weil der Film in Deutschland mit fast 19 Millionen Zuschauern der zweiterfolgreichste Film aller Zeiten war – übrigens nach dem Dschungelbuch (USA, 1968) mit über 27 Millionen Zuschauern.

 

1. Gewohnte Welt

Eröffnungsbild: Die Hauptfigur in ihrer alltäglichen Umgebung. Etwas Entscheidendes fehlt.

  • Psychologische Funktion: Defizite der Heldin zeigen (äußeres Problem, innerer Mangel).
  • Dramaturgische Funktion: Fallhöhe schaffen für die anstehenden Konflikte.

Rose ist eine schöne, aber ohnmächtige junge Frau, die in eine Ehe mit einem Mann gezwungen wird, den sie nicht liebt. Ihr äußeres Problem ist der Mangel an Freiheit, ihr inneres Defizit die Sehnsucht nach Liebe.

2. Ruf zum Abenteuer

Eine Figur, ein Ereignis oder eine Nachricht konfrontiert die Hauptfigur mit einer Herausforderung.

  • Psychologische Funktion: Ruf nach Veränderung. Die Hauptfigur spürt langsam, dass sie handeln muss.
  • Dramaturgische Funktion: Auslösendes Ereignis. Katalysator, der die Geschichte in Gang bringt.

Der junge Abenteurer und Künstler Jack hält die Rose davon ab, in ihrer Verzweiflung vom Schiff zu springen.

3. Weigerung

Die Veränderung scheint so beängstigend, dass die Hauptfigur zunächst davor zurückschreckt.

  • Psychologische Funktion: Ein Menschen mit Schwächen schafft Identifikationspotenzial.
  • Dramaturgische Funktion: Der Aufschub des Konflikts erzeugt Spannung.

Rose weist Jack zunächst ab. Sie kann sich dem Verhaltenskodex ihrer Schicht nicht entziehen, ohne deren Schutz zu verlieren.

4.  Mentor

Ein „weiser Alter“ oder eine „gute Fee“ – jede Form von Magier, Ratgeber, Lehrer – stattet die Hauptfigur mit einem Wissen, einem Werkzeug oder einer Waffe aus.

  • Psychologische Funktion: Ängste artikulieren, damit sie überwunden werden können. Potenziale aufzeigen, damit sie abgerufen werden können.
  • Dramaturgische Funktion: Die Gabe des Mentors macht die Hauptfigur erst „Helden-tauglich“ und hält die Geschichte damit am Laufen.

Jack lehrt Rose, dass man das Leben genießen und frei sein kann.

5. Erste Schwelle

Die Hauptfigur überschreitet die Schwelle zu einer neuen Welt, in der andere Regeln gelten. Dabei begegnen ihr oft Figuren oder Umständen, die sie daran hindern wollen.

  • Psychologische Funktion: Figur zeigt sich erstmals veränderungsbereit und nimmt Risiken in Kauf.
  • Dramaturgische Funktion: Prüfung der Heldin: Ist sie wirklich bereit, gegen die bestehende Ordnung aufzubegehren?

Rose überschreitet Klassengrenzen, indem sie Jack zu einer wilden Party ins Unterdeck folgt. Nach anfänglichem Zögern amüsiert sie sich prächtig.

6. Bewährungsproben

Die Heldin ist mit einer Abfolge sich zuspitzender Konflikte konfrontiert. Sie gewinnt Verbündete und trifft auf immer stärker werdende antagonistische Kräfte.

  • Psychologische Funktion: Die Heldin testet ihr Veränderungspotenzial an überstarken Gegnern.
  • Dramaturgische Funktion: Der Zweifel am Erfolg der Heldin wachsen, der Veränderungsdruck steigt, die Spannung wächst.

Rose besteht eine Kette von Bewährungsproben: Den Beinahe-Sprung vom Schiff; das Saufgelage in der Dritten Klasse; den Weckruf der sinnlichen Liebe.

7. Vordringen zur tiefsten Höhle

Die Heldin steht ihren schlimmste Ängsten gegenüber. Ihr Kernproblem liegt jetzt offen.

  • Psychologische Funktion: Konfrontation. Wenn sich die Heldin ihren dunklen Anteilen stellt, kann sie diese in ihr Selbst integrieren und dadurch „ganz“ werden.
  • Dramaturgische Funktion: zentraler Wendepunkt der Persönlichkeitsentwicklung der Heldin (nicht der Geschichte).

Roses’ Kernproblem ist ihre Unfreiheit und Ohnmacht. Doch Jack macht sie zur Galionsfigur der Titanic und lehrt sie zu „fliegen“.

8. Entscheidende Prüfung

Jetzt wendet sich die Glücksumstände fundamental und es zeigt sich, ob die Heldin wirklich zu einer grundsätzlichen Transformation fähig ist.

  • Psychologische Funktion: Irreversibler Werteschwenk positiv/negativ oder negativ/positiv.
  • Dramaturgische Funktion: Krisenhafte Zuspitzung: Die Heldin steht vor einem Dilemma und muss sich für eines von zwei Übeln entscheiden.

Die Liebe zwischen Rose und Jack findet ihre Erfüllung im Fond einer Luxuskarosse im „Bauch“ des Schiffes. Sie will lieber ein unsicheres, aber freies Leben an der Seite Jacks führen als ein sicheres, aber unfreies an der Seite Cals.

9. Belohnung

Die Heldin gewinnt das materielle oder immaterielle Gut, für das sie die gewohnte Welt verlassen hat.

  • Psychologische Funktion: Neudefinition der eigenen Identität. Die Heldin überwindet alte Limitationen und wandelt sich zu einem kompletteren Menschen.
  • Dramaturgische Funktion: Vorübergehender Spannungsabfall – „Atemholen“ für den finalen Kampf.

Die Liebe macht sie zur furchtlosen und selbstbewussten Frau.

10. Rückweg

Die gegnerischen Kräfte formieren sich neu. Die Heldin bereitet sich auf das große Finale vor.

  • Psychologische Funktion: Die Heldin muss sich in ihrer neu gefundenen Rolle gegen maximalen Gegendruck bewähren.
  • Dramaturgische Funktion: Erneute Ungewissheit treibt die Spannung wieder nach oben.

Überlebenskampf gegen ihren persönlichen Widersacher Cal und ihren natürlichen Widersacher, den Eisberg. Rose sitzt schon im Rettungsboot, steigt aber wieder aus. Sie opfert eher ihr Leben als ihre Liebe.

11.  Wiedergeburt

Die Heldin hat ein Auferstehungserlebnis: Durch eine letzte große Prüfung (oft eine Opferhandlung) vollzieht sie einen endgültigen Werteschwenk.

  • Psychologische Funktion: Heldin beweist, dass sie die Lehren der Reise verinnerlicht hat – oder eben nicht.
  • Dramaturgische Funktion: Höhepunkt: Maximale Spannung. Alle steht auf dem Spiel.

Jack opfert sich für Rose – beide finden keinen Platz auf dem Wrackteil. Mit letzter Kraft rettet sie sich auf ein Boot. Jack ist tot, lebt aber in ihrem Herzen weiter.

12. Heimkehr mit dem Elixier

Die Heldin kehrt in die gewohnte Welt zurück mit dem entscheidenden Etwas, das ihr beim Aufbruch gefehlt hat. Dieses „Elixier“ transzendiert oft das eigene Ich und erweist sich als Wertbeitrag für die ganze Welt.

  • Psychologische Funktion: Endgültige Meisterung des Problems.
  • Dramaturgische Funktion: Auflösung aller Konflikte, Entspannung.

Rose kehrt mit dem Jacks Vermächtnis in die Welt zurück, ein Leben in Fülle zu leben. Sie setzt dieses Vermächtnis mit großer Entschiedenheit um.

Bonus

Die Heldenreise lässt sich auch auf die eigene Lebensplanung anwenden. Möchtest du herausfinden, wo du gerade stehst und welcher Schritt als nächster auf dich zukommt? Dann lade dieses Worksheet herunter und fülle es einfach aus.

Mein Name ist Stefan Dambach und ich lebe in Berlin. Ich bin Storyteller aus Leidenschaft und helfe Einzelunternehmern, Marketing-Managern und Agenturen dabei, Storytelling in der Tiefe zu verstehen und für den Markterfolg ihres Unternehmens oder Kunden nutzbar zu machen.

"If you can't tell, you can't sell." (Robert McKee)